BAG KiAP Bundesarbeitsgemeinschaft für Kinder in Adoptiv- und Pflegefamilien e.V.
BAG KiAP Bundesarbeitsgemeinschaft fürKinder in Adoptiv- und Pflegefamilien e.V.

Risiko und Chance: Bachelor-Absolventin untersuchte minderjährige Flüchtlinge in Pflegefamilien

Quelle: Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt Katja Klein M.A. Pressereferat

"Anna Händel: Es fehlt an einer flächendeckenden und einheitlichen Standardisierung für Betreuung und Unterbringung

Es ist – wie so oft – die Frage nach dem „Warum?“ bei dem gleichzeitigen Wunsch, alles „richtig“ machen zu wollen. Die Absolventin Anna Händel hat sich in ihrer Bachelorarbeit mit dem Thema „Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Pflegefamilien – Risiken, Chancen und die besonderen Anforderungen an eine professionelle Soziale Arbeit“ auseinandergesetzt. Sie schreibt diese zu einem Zeitpunkt, als zum einen Flüchtlingsströme auch nach Deutschland kommen und die Politik, die Gesellschaft, die Kinder- und Jugendhilfe sowie die Sozialarbeit sich „vor große Herausforderungen im Hinblick auf eine menschenwürdige Unterbringung und Versorgung dieser großen Anzahl junger Menschen gestellt“ sieht. Zum anderen schildert sie in ihrer Arbeit einen Vorfall, bei dem ein 17-jähriger minderjähriger unbegleiteter Flüchtling in einem Bahnabteil Mitreisende angriff und diese teils lebensgefährlich verletzte. Er lebte vor der Tat über ein Jahr in Deutschland - erst in einer stationären Einrichtung für junge Flüchtlinge in Ochsenfurt, dann bei einer Pflegefamilie im Landkreis Würzburg. Er wurde als freundlicher Jugendlicher beschrieben, der strafrechtlich noch nie in Erscheinung getreten sei und eine Lehrstelle in Aussicht gehabt hatte. Er galt als sehr gut integriert und wurde im Rahmen der Jugendhilfe intensiv betreut. Auf der Flucht nach der Tat wurde er von Polizeibeamten erschossen.... " zum Artikel

Gastfamilien
als differenziertes
Angebot der Vollzeitpflege für
unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

 

 

Erfordernisse aus der Perspektive der Pflegefamilienverbände

 

Der Runde Tisch der Adoptiv-und Pflegefamilienverbände begrüßt die Idee, unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen Familien als Orte zur Sozialisation in eine fremde Kultur und Gesellschaft anzubieten. Wir halten den Begriff Gastfamilie für sehr unbestimmt und fordern ein eindeutiges Bekenntnis, dies als eine Hilfe zur Erziehung nach § 33 zu installieren. Eine unmittelbare Ankoppelung an „ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingshilfe“, mit dem damit verbundenen Gedanken der finanziellen Entlastung der Kommunen, halten wir für ein falsches Signal. Jugendliche und Kinder haben einen Anspruch auf Förderung ihrer Entwicklung und auf Erziehung (vgl. § 1 SGB VIII). Dieses Recht gilt auch für ausländische Kinder und ausländische Jugendliche, die unbegleitet nach Deutschland kommen (vgl. § 42 Absatz 1 Nr. 3). Sie brauchen für ihre rechtliche Vertretung einen Vormund. Dieser ist dafür verantwortlich, dass der Wille des jungen Menschen im Unterbringungsprozess beachtet wird. Familien, die einem jungen Menschen aus einer anderen Kultur nach der Flucht in ihrer Familie einen neuen Lebensort bieten, brauchen professionelle Vorbereitung, Unterstützung und Begleitung.

 

 

Vorbereitung von Familien für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

 

Familien, die sich für so eine verantwortungsvolle Aufgabe zur Verfügung stellen, haben das Recht auf eine solide Vorbereitung, wie sie alle Pflegefamilien erhalten. Dabei sehen wir durchaus die zeitliche Problematik und befürworten eine begleitende Qualifizierung. Flucht und Traumatisierung sollten ein zusätzliches Thema in der Vorbereitung und Qualifizierung von Gastfamilien sein. Weiterhin brauchen diese Familien eine erhöhte Sensibilität für kulturelle Unterschiede und die Fähigkeit, sich auf diese einzulassen. Es gibt bedeutsame Unterschiede in den Normen und Werten von „Ich“-und „Wir“-Gesellschaften. Dieses müssen Gastfamilien nicht nur wissen, sondern auch die Kompetenz haben, sich darauf einzustellen.

 

Asyl-und ausländerrechtliche Regelungen haben nicht nur Auswirkungen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, sie können auch ihre Auswirkungen auf die ganze Familie entfalten. Gastfamilien brauchen einen Überblick, was sie besonders beachten müssen.

 

Unterstützung und Begleitung von Gastfamilien

 

Die Unterstützung und Begleitung dieser Familien sollte sich quantitativ an den Pflegefamilien für besonders entwicklungsbeeinträchtigte Kinder orientieren. Zusätzlich zu den Themen, die auch andere Pflegefamilien haben, kommen kulturspezifische Themen, Sprach-und Übersetzungsthemen und nicht zuletzt noch rechtliche Themen dazu. Die Gasteltern brauchen Supervisionsangebote sowie die Möglichkeit, sich in Kleingruppen auszutauschen. Auch die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge benötigen zusätzlich zu ihrem Lebensort in einer Familie Gruppenangebote.

 

Für alle rechtlichen Fragen muss das Unterstützungsnetzwerk kompetente Ansprechpartner kennen und dahin weiterverweisen können. Ebenso für Schule, Ausbildung oder Therapie muss es kompetente Ansprechpartner geben.

 

Auch unbegleitete Minderjährige werden eines Tages volljährig. Da ein sehr großer Teil schon Jugendliche sind, kann dies sehr schnell gehen. Die Übergänge in andere Hilfeformen oder zu anderen Lebensorten müssen vom ersten Tag mitgedacht werden. Familie ist etwas anderes als eine Organisation. Zwingend ist, schon vorab Zeit und Raum für Rituale des Verabschiedens einzuplanen.

 

Lernen aus der Praxis für die Praxis

 

Die Unterbringung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen sollte dringend wissenschaftlich begleitet werden. Das professionelle Helfersystem, die Pflege-kinderhilfe, kann aus diesem Projekt der Unterbringung junger Flüchtlinge in Gastfamilien viel lernen.

 

 

Zum Inhalt des Buches:
Was passiert, wenn ein Kind nicht ohne Gefährdung seiner Entwicklung in seiner biologischen Familie aufwachsen kann? Welche Informationen benötigen Pflege- und Adoptiveltern, wenn sie sich für die Aufnahme eines Kindes entscheiden? Welche Hilfen und Unterstützung erhalten sie, wenn Probleme auftauchen?

lesen Sie weiter